Auch wenn viele unserer heimischen Wildkräuter und Heilpflanzen bereits mystische Aspekte haben, gibt es doch einige, die es gesondert zu erwähnen gilt. Sei es durch ihre magischen Anwendungen,
besonders häufiges Auftreten in Geschichten und Märchen oder jene die mit dem Bösen und/oder mit Hexen in Verbindung gebracht werden und durch ihre teils zusätzliche Giftwirkung als alte
Zauberpflanzen gelten.
Pflanzen sind auch mystisch oder lassen einen Ort magisch werden, wenn sie um alte Ruinen herum wachsen. Manche lassen sich genau deshalb dort noch finden oder haben sich mit der Zeit
angesiedelt.
Auch heute noch findet man bei einigen Ruinen und Burgen Hinweise darauf, was in den Burggärten um sie herum gepflanzt wurde. Das Immergrün ist beispielsweise ein Relikt aus mittelalterlichen Gärten. Früher glaubte man, dass man sich mit Weißdorn, Holunder und Schlehen gegen das Böse abschirmen konnte und man gut und sicher schlief, wenn diese Sträucher um Haus und Hof wuchsen. Auch zahlreiche Heilkräuter lassen sich noch auf den damaligen Anbau zurückführen. Und viele andere Pflanzen siedelten sich an, weil die alten verlassenen Mauern ihnen Schutz vor Wind und Wetter boten und die Wärme der Sonne speicherten und abgaben. Diese Trockenmauern bewohnen gerne die Mauerraute oder der scharfe Mauerpfeffer. Efeu rankt sich gerne um alte Gemäuer, was den mystischen Charakter noch unterstreicht. Auch auf alte Zauber- und Heilpflanzen aus der Mittelalterzeit kann man noch stoßen - wie die giftige Tollkirsche.
Stinsenpflanzen wurden von Menschen in ihren Gärten angepflanzt, aus denen sie mit der Zeit verwilderten. Die Häuser und Siedlungen mögen heute nicht mehr existieren, die ursprünglich gesetzten Pflanzen aber überdauern. Sie bleiben in der Regel in der Nähe von der ursprünglichen Pflanz-Stelle, und das über Jahrhunderte. Man kann sie also als sichere Kulturrelikte aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bezeichnen. Hauptsächlich handelt es sich hierbei um Zierpflanzen. Wie zum Beispiel bei vielen unserer Frühlingsblumen wie den Krokussen, Winterlingen, Buschwindröschen, Bärlauch, Lerchensporn, Maiglöckchen und Schneeglöckchen. Ein bekannter Vertreter ist auch das nachfolgend beschriebene kleine Immergrün. "Stinse" leitet sich von dem friesischen Wort für "Steinhaus" ab, weil die Häuser im Spätmittelalter, die angelegte Gärten mit Zierpflanzen hatten, hochwertiger waren, also aus Stein.
Das Immergrün
Vinca Minor
Wie der Name "Immergrün" schon sagt, ist es das ganze Jahr über grün. Im Gegensatz zu anderen Stinsenpflanzen, können wir seinen Standort also das ganze Jahr über entdecken. Denn seine
Blätterteppiche sind schon auf dem braun belaubten Waldboden recht auffällig. Besonders im Herbst und Winter hebt es sich gut ab, bevor es uns dann von März bis Mai mit den wunderschönen lila
Blüten verzaubert.
Es hat schon etwas Magisches, wenn eine Pflanze, die von Menschenhand angepflanzt und bewundert wurde, so viele Jahrhunderte überdauert und noch heute an einen einstigen Wohnsitz an dieser Stelle
erinnern könnte.
Und ganz am Rande bemerkt, haftet noch ein kleiner Zauber an ihm: "Periwinkle" ist die englische Bezeichnung für das „Immergrün“ und gleichzeitig der Name der Zwillingsschwester von der Fee Tinkerbell aus Peter Pan.
Aronstab ◆ Einbeere ◆ Fingerhut ◆ Hexenkraut ◆ Tollkirsche
Zum Einen, weil sich diese geheimnisvollen Pflanzen hier selbstverständlich einen Platz verdient haben, zum Anderen, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die giftige
Pflanzen verursachen können, möchte ich hier einige näher vorstellen.
Faszinierend ist, dass manche Pflanzen gleichzeitig heilend und tödlich sein können. Hier gilt ganz klar die Regel: Die Dosis macht das
Gift.
Es hängt von der körperlichen Verfassung des menschlichen Organismus, des Alters, der Größe und vielen weiteren Faktoren ab.
Dieser Beitrag dient allerdings nicht dazu, Empfehlungen auszusprechen, im Gegenteil, denn von einer Selbstmedikation sollte man hier unbedingt absehen.
Besonders beim Sammeln wilder Früchte, Blätter und allgemein von Wildkräutern sollte man immer ein Bestimmungsbuch dabei haben und nur ernten, was man sicher bestimmen kann. Besonders für Kinder wirken satte schwarze und rote Früchte leicht attraktiv und sind schnell in den Händen und sogar im Mund gelandet.
Nichtsdestotrotz sind es faszinierende Geschöpfe, die man auch ohne Berühren ausgiebig bewundern kann. Außerdem ist es eine Freude, ein solches Exemplar plötzlich hinter dem
nächsten Baum im Wald zu finden und dann etwas über dessen Geschichte zu wissen.
Man betrachtet sie gleich mit anderen Augen.
Der Aronstab -
Arum maculatum
❗giftig* ❗
Der geschützte und giftige Aronstab fällt bereits im zeitigen Frühjahr durch seine markanten, besonderen Blätter ins Auge. Auch die Blüte im Frühling ist ein
Hingucker. Sie erinnert an die klassische Zimmerpflanze "Einblatt", die ebenfalls ein Aronstabgewächs ist. Am eindrucksvollsten und schon giftig aussehend, ist aber dann die rote
Beerenformation im Hoch- bzw. Spätsommer.
Aus den Wurzelknollen wurde im Mittelalter Stärke gewonnen, um die Halskrausen in Form zu halten.
Giftpflanze des Jahres 2019
Volksnamen: Gefleckter Aronstab, Trommelschlägel, Eselsohr
Familie: Aronstabgewächse
Vorkommen: Auf kalkreichen Lehmböden, in feuchten Auwäldern, in krautreichen Laubwäldern, unter
Gebüschen
Beschreibung: Die pfeilförmigen, teils gefleckten Blätter mit feinen Nadeln, die bereits die Haut verletzen
können, erscheinen als erstes im zeitigen Frühjahr. Die Blüte im April bis Mai wird durch einen langen aufrechten Blütenstand in Form einer blattartigen Hülle
dargestellt, in dessen inneren sich ein braun-violetter Kolben befindet. In diesem Kessel entsteht dank des stärkereichen Kolbens eine erhöhte Kesseltemperatur, die einen aasähnlichen Geruch
freisetzt, der Fliegen anlockt. Es ist eine sogenannte "Fliegenkesselfalle".
Die am "Stab" gruppierten Beeren, die sich im Hochsommer von grün in knallrot färben, sind etwa 5mm groß und ebenfalls giftig.
Inhaltsstoffe: Aroin/Aronin/Aronidin, Oxalat-Raphide, freie Oxalsäure
*Vergiftungserscheinungen: Brennender Mund, Durchfälle, Erbrechen, Rötungen, Übelkeit
! Besonders für Kinder wirken die leuchtend roten Früchte attraktiv !
Verwendung in der Medizin: keine Selbstmedikation! Wurzel und Blätter nur in der
Homöopathie bei Erkältungskrankheiten und Rachen-Erkrankungen
Magie & Volksglauben:
In Marburg: Im Köhlersgrund unterhalb des Dammelsbergs; rund um die Amöneburg ("Stock und Stein"-Tour), an einigen Stellen auf dem Weg zu den Ruinen Hohenfels im Lahntal.
Die (vierblättrige) Einbeere
Paris quadrifolia
❗sehr giftig*❗
Einerseits so unscheinbar, bei näherer Betrachtung jedoch umso faszinierender, ist die Einbeere. Die einzigartige Blüte im Frühjahr ist bereits ein Blickfang und könnte als "fotogen" bezeichnet
werden.
Allein schon ihre Volksnamen weisen auf ihren Lebensraum im Wald und ihren "unheimlichen" Charakter hin.
Im Mittelalter setzte man sie gegen die Pest ein, aber auch zur Wundheilung, bei Rheuma und Kopfläusen.
Heute geht ihr Bestand leider stark zurück, da ihr Lebensraum in alten Waldbeständen bedroht ist.
Blume des Jahres 2022
Volksnamen: Pestbeere, Fuchsauge, Krähenauge, Schwarzperle, Wolfsauge, Teufelsauge, engl.: true lover's knot
Familie: Germergewächse
Vorkommen: In krautreichen Laub- und Mischwäldern, in alten, naturnahen Wäldern
Beschreibung: An einem etwa 30 cm langen Stängel, entspringen vier elliptische, netzartige Blätter, mit einer
einzigen grünlichen, sternförmigen Blüte in der Mitte, die die Blätter noch um einige Zentimeter überragt. Die Blütezeit ist zwischen Mai und Juni. Im
Hochsommer bildet sich daraus eine einzige blauschwarze Perle an der Stängelspitze.
Inhaltsstoffe: Glykoside, Saponine, organische Säuren
*Vergiftungserscheinungen: Nierenschäden, Störungen des zentralen Nervensystems, Übelkeit, Schwindel und
Durchfälle. Es kommt auch zur Pupillenerweiterung und zu Kopfschmerzen.
! Besonders für Kinder wirken die heidelbeer-ähnlichen Früchte attraktiv !
Verwendung in der Medizin: Nur in der Homöopathie noch im Einsatz - bei neuralgischen Kopf- und Gesichtsschmerzen. keine Selbstmedikation!
Magie & Volksglauben:
In Marburg: Am Kalkberg bei Michelbach, rund um die Amöneburg, am "Steinberg" bei Caldern, am "Rückspiegel" zwischen Elmshausen und Kernbach
Der Rote Fingerhut
Digitalis purpurea
❗sehr giftig*❗
Das Faszinierende an dieser Pflanze ist die gleichzeitig heilende und tödliche Wirkung. Dies rückt sie seit jeher in ein geheimnisvolles Licht. Einige Völker brachten sie mit Waldwesen wie Elfen und Feen in Verbindung. Der bis zu 2 Meter hoch werdende und mit pinken, trichterförmigen Blüten bestückte Fingerhut kommt jedoch auch in der heutigen Medizin noch in Herzmedikamenten vor.
Volksnamen: Fingerfiepen, Handschuhkraut, Patschen, Waldglocke, Waldschelle
Familie: Braunwurzgewächse
Vorkommen: auf kalkarmen Böden, auf Lichtungen und Kahlschlägen in Wäldern
Beschreibung: Die zweijährige Pflanze bildet aus einer Pfahlwurzel im ersten Jahr nur die Blattrosette, im zweiten Jahr folgt dann die stattliche Blüte. An der dicken Blattachse
stehen die pinkfarbenen Blüten als Traube in Richtung des Lichts zusammen. Die fingerhut-förmigen Blüten sind im Inneren mit Flecken übersät, um Insekten anzulocken. Die Blüten öffnen sich je
nach Wetterlage im Juni und Juli.
Inhaltsstoffe: Flavonglykosid, herzwirksame Glykoside, Saponine, Schleime
*Vergiftungserscheinungen & Überdosierung: Halluzinationen, innere Unruhe, unregelmäßiger Puls, Übelkeit, Erbrechen, heftige Schmerzen, Blaufärbung der Lippen, Atemnot, bis hin zum
Herzstillstand. Vincent Van Gogh soll an einer Überdosierung durch Fingerhut-Präparate gelitten haben.
Verwendung in der Medizin: Fertige Präparate und Arzneimittel der modernen Medizin bei Herzmuskelschwäche. keine Selbstmedikation!
Magie & Volksglauben:
In Marburg:
Im Sommer zeigen die zahlreichen Fingerhüte ihre pinken Blütenkerzen. Da sie oft in großen Beständen Ruderalflächen besiedeln, entsteht dann der ein oder andere Magische Ort.
Das Große Hexenkraut
Circaea lutetiana
Bezaubernd filigran ragen die kleinen Blütentriebe am Waldboden empor. Schon allein der Name lässt ahnen, dass hinter dem Kräutlein wohl noch eine Geschichte steckt.
Benannt ist diese Gattung nach der Hexe Circe aus der griechischen Mythologie, die Männer in Schweine verzauberte.
Volksnamen: Waldklette, Stephanskraut, Walpurgiskraut, engl.: enchanter's nightshade
Familie: Nachtkerzengewächse
Vorkommen: auf feuchtem Waldboden in schattigen Laubwäldern
Beschreibung: Die länglich, zugespitzten, teils eiförmigen Blätter sind gegenständig angeordnet und
beschatten den Waldboden unter sich. An einem langen Stiel, der aus den Blättern herausragt, sitzen einzelne kleine weiße bis zartrosa Blüten. Blütezeit reicht von Juni bis
September. Aus den Blüten bilden sich kleine Klettfrüchte, weshalb es auch manchmal "Waldklette" genannt wird. So erfolgt auch die Verbreitung. Durch ausdauernde unterirdische
Ausläufer etabliert es sich fest, wo es sich einmal angesiedelt hat.
Inhaltsstoffe: Gerbstoffe, Oxalate, Oxalsäure
Verwendung in der Medizin: nur schwach heilkräftig, in diesem Fall überwiegt ganz klar der Zauber dieser geheimnisvollen Pflanze;
Verwendung in der Bachblüten-Therapie
Magie & Volksglauben:
In Marburg:
Beim Plausdorfer Schloss zwischen Kirchhain und Stadtallendorf; am Stümpelkopf bei Michelbach; im Wald zwischen der Marbach und Wehrda - im Teufelsgraben wurde auch schon das Mittlere Hexenkraut und das Alpenhexenkraut gesichtet; in der Nähe des Kernbachs bei Kernbach
Die Schwarze Tollkirsche
Atropa Belladonna
❗sehr giftig*❗
Die "Belladonna" oder auch Waldnachtschatten ist ein giftiges Nachtschattengewächs und galt als magische Pflanze, da sie nach der Einnahme die Pupillen
vergrößert und halluzinierende Zustände hervorruft. Sie wurde im Mittelalter, und auch heute noch, in der richtigen Dosierung als Heilpflanze genutzt.
Weitere Volksnamen: Irrbeere, Schlafbeere, Taumelstrauch, Teufelsbeere
Familie: Nachtschattengewächse
Vorkommen: in lichten Wäldern, am Waldrand auf Kalkgestein
Beschreibung: Die Tollkirsche stirbt jedes Jahr oberirdisch ab und entspringt im Frühjahr wieder neu aus ihrer langen Pfahlwurzel. An kräftigen Trieben, die bis zu 2m hoch werden können, stehen sich verschieden große Blätter gegenüber. Ab Juni bilden sich aus den Knospen lila-braune, glockenartige Blüten. Fast zeitgleich können wir an einer Pflanze ab Juli sowohl Blüten als auch bereits reife, tiefschwarze bis dunkelviolette Beeren entdecken.
Inhaltsstoffe: Atropin, Hyoscyamin, Skopolamin
*Vergiftungserscheinungen: geweitete Pupillen, Schluckbeschwerden, Durst, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel, bis hin zu Wahnvorstellungen,
Tobsuchtsanfällen, Krämpfen, Pulsrasen, erhöhter Blutdruck und Kreislaufversagen.
Bei rechtzeitigem Handeln, kann der Notarzt ein Gegengift verabreichen.
! Besonders für Kinder wirken die leider süß schmeckenden, leuchtenden Früchte attraktiv !
Verwendung in der Medizin: Präparate aus der Wurzel und den Blättern, keine Selbstmedikation! Bei krampfartigen Magen- und Darmerkrankungen,
Bronchialasthma, Augenheilkunde; in der Homöopathie bei Periodenschmerzen, Asthma, Magengeschwüren und sogar Gicht
Magie & Volksglauben:
In Marburg: Am Rimberg, im Naturschutzgebiet "Franzosenwiesen" im Burgwald, auf dem Weg zu den Ruinen Hohenfels bei Buchenau, bei den Wichtelhäusern von Brungershausen und in Kernbach lassen sich einige Tollkirschen bewundern
Buchquellen:
"Das große Buch
der Heilpflanzen", Pahlow, München, 1993
"Was blüht denn da" - Dietmar Aichele
"Großes farbiges Naturlexikon, Pflanzen von A-Z", Dr. Ulrich Mohr, Elsevier Copyrights Management S.A., Neuchâtel, 1984